ARCHIV 2003

WERK UND LEBEN

Philosophen und ihr Leben

Heute ist Philosoph zu sein ein Beruf wie andere auch. Doch seit Platon und Aristoteles existiert die Idee von Philosophie als einer Lebensform.
Prototyp dafür ist die Gestalt Sokrates. Was war, was ist Philosophie als Lebensform? Grund genug nach dem Leben von Philosophen zu fragen. Hat sich ihre Philosophie irgend wie in ihrem Leben gezeigt? Haben sie ein besseres Leben als andere Menschen geführt?
Die Reihe wird sich mit solchen Philosophen befassen, bei denen eine
Ausprägung ihrer Philosophie in ihrem Leben zu vermuten ist.

Donnerstag, 11. September 2003, 20 Uhr
Prof. Dr. Gernot Böhme
Sokrates 

Donnerstag, 13. November 2003, 20 Uhr
Prof. Dr. Gernot Böhme
Kant 

Kant erscheint im Licht seiner Biographie äußerst merkwürdig. Er wird als der Pedant der Lebensführung, als ängstlicher Hypochonder, als Mann nach der Uhr, aber auch als der galante Magister geschildert. Es ist verführerisch , Kants Philosophie, insbesondere Ethik, in der Perspektive seiner strengen pietistischen Erziehung zu sehen. Dieser Vortrag wird dagegen einen anderen Weg gehen: Es geht nicht um Einflüsse der Biographie aus dem Werk, sondern um die Frage, in welchem Sinne Kant in seinem Leben seine Philosophie realisiert hat.
Literatur:
Hartmut und Gernot Böhme: „Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants“, Frankfurt, 2. Auflage, 1992

Donnerstag, 20. November 2003, 20 Uhr
Dr. Kai Buchholz
„Ich sitze auf dem Leben wie der schlechte Reiter auf dem Roß.“ 
Lebensprobleme und Philosophie bei Ludwig Wittgenstein
Einführung: Prof. Dr. Gernot Böhme

Ludwig Wittgenstein zählt zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Das große Interesse, das ihm entgegengebracht wird, richtet sich nicht nur auf sein philosophisches Werk, sondern auch auf seine Person. Wittgenstein stammte aus extrem reichem Elternhaus und verschenkte sein Erbe. Sein Lehrer Bertrand Russell beschrieb ihn als genialen Sonderling; die meisten seiner Schüler charakterisierten ihn als strengen Menschen von ungewöhnlicher intellektueller Anziehungskraft. Wittgensteins eigene Tagebuchaufzeichnungen vermitteln demgegenüber den Eindruck einer sensiblen, selbstkritischen Persönlichkeit, die hohe moralische Ansprüche an sich selbst stellt. Der Vortrag bezieht sich hauptsächlich auf dieses autobiographische Material und wirft die Frage nach dem Verhältnis von Wittgensteins Lebensauffassung und seinem Philosophieverständnis auf.

Freitag, 28. November 2003, 20 Uhr
Dr. Hans Zitko
Das Experiment der Philosophie
Nietzsche über den Zusammenhang von Theorie und Leben

Nietzsches Rationalitätskritik schließt die Forderung nach einer Aufhebung der strikten Trennung zwischen dem philosophischen Denken und dem praktischen Handeln ein. Philosophie, so der Autor, ist nur dann glaubwürdig, wenn sie sich im Raum der konkreten Lebenspraxis bewährt. Wichtig ist hier vor allem die Idee einer Experimentalphilosophie, die jene Annäherung zwischen dem Denken und dem Alltagshandeln ermöglichen soll. In diesem Kontext stellt sich zugleich die Frage nach der Freiheit des Individuums, auf die Nietzsche eine spezifische Antwort zu geben versucht.

Freitag, 5. Dezember 2003, 20 Uhr
Prof. Givsan
Heidegger

Der Name Heidegger (1889-1976) steht für ein Denken, das nichts Geringeres beansprucht, als das zur Entscheidung zu bringen, was diesem Denken zufolge das Geschick des Abendlandes heißt. Heideggers Denken erwächst aus einer geschichtlichen Lage, die von Spengler als den „Untergang des Abendlandes“ charakterisiert wird. Gegen diesen Bescheid Spenglers wendet sich Heideggers ganzes Denken. In direktem Gegensatz zu jenem Bescheid sieht Heidegger gerade den „Aufgang des Abendlandes“ als das, was „heute“ geschichtlich not tut. Heideggers Aufnahme der Frage nach dem Sein steht in diesem Kontext. Anders ausgedrückt: Heideggers Seinsdenken zielt ab auf einen geschichtlichen Neuanfang. Und darin liegt – sofern man das nicht ungesagt sehen möchte – Heideggers Affinität zur NS-Bewegung begründet. Auch Heideggers Schritt zum Denken des Ereignisses ist geschichtlich begründet.

Dienstag, 16. Dezember 2003, 20 Uhr
Dr. Rita Obermann (Frankfurt)
Autobiographische und Psychopathographische Sichtweisen auf das Spätwerk Robert Walsers

Die Allianz zweier Faktoren führt zu höchst unterschiedlichen Resultaten. Wird beispielsweise die Biographie eines Künstlers vom Ende her betrachtet und sein Werk als psychopathographisches Konvolut gedeutet, so kann das künstlerische Subjekt sehr schnell zum Objekt schillernster Stigmatisierungen werden. – Um so erstaunlicher ist es, dass der Eindruck entsteht, als spielte Robert Walser in seinem Spätwerk subversiv mit Stigmatisierungen wie „Autismus“, „schizoide Spaltung“, „multiple Subjektivität“.

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