ARCHIV .. und KUNST

REIHE: PSYCHOANALYSE UND KUNSTKunst entsteht in einem psychischen und gesellschaftlichen Kontext. Kunst entsteht aber auch im Kontext von Kunst, das heißt, das Kunstwerk ist Teil einer Geschichte der ästhetischen Form, auf die es sich traditionalistisch oder revolutionär, durch Zerstörung herkömmlicher ästhetischer Formen, bezieht.

Psychoanalytische Kunstinterpretation, die selbst einmal, über die Reflexion des Unbewußten in der Kunst (beim Künstler ebenso wie beim Rezipienten), revolutionär war, ist durch die weitgehende Beschränkung im psychoanalytischen main stream auf die Künstlerbiographie selbst traditionalistisch und dogmatisch geworden. Dies ist um so erstaunlicher, als der Zugang zum Unbewußten, wie er exemplarisch in Freuds Traumdeutung entwickelt wurde, zunächst selbst mittels einer Formanalyse (Verschiebung, Verdichtung etc.) erfolgte. Wenn Form sedimentierter Inhalt ist (um eine Formulierung Adornos aufzugreifen), muß psychoanalytische Kunstinterpretation sich um so mehr der Auseinandersetzung mit der künstlerischen Form stellen. Damit verliert die Künstlerbiographie nicht an Bedeutung – ihre Bedeutung bemißt sich jedoch daran, wieweit sie zum Verständnis von Inhalt und Form beiträgt.

Ausgehend von einer kritischen Analyse von Freuds Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910), gewissermaßen dem Gründungsdokument der psychoanalytischen Auseinandersetzung mit bildender Kunst, sollen in Vorträgen über Goya, Lucian Freud und eine Installation von Reinhard Mucha Möglichkeiten und Grenzen einer nichtbiographistischen, vielmehr auf Form und Struktur des Kunstwerks bezogenen psychoanalytischen Interpretation ausgelotet werden.

Eine Veranstaltungsreihe der DENKBAR in Zusammenarbeit
mit dem Frankfurter Psychoanalytischen Institut e.V. (FPI)

JUNI – JULI 2002Leonardo da Vinci und die Psychoanalyse –
Gedanken zu Freuds „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“

Prof. Dr. Manfred Clemenz, Frankfurt

Freuds Essay Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910) gilt als Gründungsdokument der psychoanalytischen Interpretation bildender Kunst. Freuds Beitrag wurde enthusiastisch gefeiert und vernichtend kritisiert. Heute, fast hundert Jahre später, sollen noch einmal Freuds Überlegungen einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Freuds Thesen zum Konflikt zwischen Kunst und Forschung in Leonardos Leben und zu Leonardos „ideeller“ Homosexualität, zwei Aspekte, die Freud als „Hemmung“ diagnostiziert. Obwohl Freud sich in vielen Details irrte und einige seiner Thesen in Frage gestellt werden müssen, ist Freuds Essay noch heute ein Schlüsseltext für ein psychoanalytisches Verständnis von Leonardos Leben und Werk.

Goyas „Traum der Vernunft“ – Vom Traumbild zur Bildidee
Prof. Dr. Adrian Gaertner, Psychoanalytiker, Bielefeld

Am 6. Februar des Jahres 1799 erscheint auf der ersten Seite des Diario de Madrid eine Annonce, in der eine Sammlung mit 80 Druckgraphiken des Don Francisco Goya mit dem Titel Caprichos angekündigt wird. Einhundert Jahre später, im November 1899, erscheint in Wien die erste Auflage der Traumdeutung. Während Goya die Auslieferung der Caprichos aus Angst vor der Inquisition stoppen mußte, fand die Traumdeutung zunächst nur wenig Resonanz. Trotz unterschiedlicher Ausdrucksmedien gibt es eindrucksvolle Korrespondenzen: beide beschäftigen sich mit den Abgründen, den dunklen Seiten der Subjektivität. Sie thematisieren in höchst unterschiedlicher Weise Traum und Imagination, Sexualität und Destruktivität und eröffnen damit eine vom Vernunfts- und Fortschrittsglauben der Aufklärung verleugnete Perspektive.
Am Beispiel des Capricho 43 mit dem Titel Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer sollen einige Aspekte der Bedeutung des Traums für das Spätwerk Goyas und verblüffende Konvergenzen zur Traumdeutung Freuds diskutiert werden.

„Der zudringliche Blick“
Lucian Freud – Sigmund Freud. Ein imaginärer Dialog

Rotraut De Clerck, Psychoanalytikerin, Oberursel

Sigmund Freuds Fallgeschichten sind sprachliche Portraits seiner Figuren, oft mit Novellen gleichgesetzt, mit einer aber auch „bildlichen“ Präzision so einprägsam gezeichnet, daß sie zum Prototyp des klinischen Narrativs werden konnten.
Ähnlich sind die Naked Portraits von Lucian Freud Studien unverwechselbarer Persönlichkeiten. Wie bei Sigmund Freud wird auch hier die Sexualität ins Zentrum gestellt und als integraler Bestandteil der Persönlichkeit in der Darstellung umgesetzt: das Persönliche und Unverwechselbare der Figuren wird, könnte man sagen, sogar erst über ihre Sexualität definiert. Schönheit oder Häßlichkeit relativieren sich in dieser Perspektive.

Die Bedeutung des Körpers, die sich daraus ergibt, soll bei beiden, Sigmund Freud und Lucian Freud, herausgearbeitet werden.
Mutterseelenallein – Eine Installation von Reinhard Mucha
PD Dr. Reimut Reiche, Psychoanalytiker, Frankfurt

Die Installation Mutterseelenallein von Reinhard Mucha wurde 10 Jahre lang im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt gezeigt. Mit der Interpretation dieser Installation soll ein psychoanalytischer Deutungsweg vorgestellt werden, der von der Künstlerbiographie und von den Empfindungen des Betrachters ganz absieht und sich statt dessen auf die Formeigentümlichkeiten des Werks konzentriert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.