ARCHIV 2003 Die Erfindung

REIHE: DIE ERFINDUNG DES FREMDEN. Bekanntlich hat Ästhetik etwas mit Wahrnehmung zu tun. Exotismus, Primitivismus, Orientalismus, Indigenismus heißen einige Stufen des kunstgeschichtlich recht umfassend erforschten wahrnehmungsprozesses. Was aber wurde wahrgenommen? Wo ist das Exotische, wo das Fremde anzutreffen? Auf der Seite des Betrachters oder des Betrachteten?
In der Vortragsreihe DIE ERFINDUNG DES FREMDEN wird der Dialektik des Begreifens und der Selbsterkenntnis nachgegangen – führt doch der kürzeste Weg zu sich selbst um die ganze Welt herum.

Donnerstag, 29. August
Dr. Rita Obermann, Frankfurt
Das Eigene und das Fremde. Ethnoliterarische Texte und abendländische Kulturkritik
Verwunderung, welche Abscheu in Entzücken verwandelt, nennt Stephen Greenblatt die zentrale Figur der Begegnung mit fremden Kulturen. In der literarischen Darstellung ist Verwunderung hilfreich, die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Fremde, Exotische zu lenken. Das aus seinem
moralischen Zusammenhang gerissene literarische Objekt wird seiner individuellen Fähigkeit beraubt, Gutes oder Böses zu tun. Als „edler Wilder“ oder „schöne Nymphe“ wird der Mensch der Kolonisation des Wunderbaren und Assimilation des Anderen preisgegeben.Donnerstag, 5. September
Sami Cornelius, Frankfurt
First Nation Peoples und ihr Selbstbild. Stereotypien des Wunderbaren und der Edle Wilde
Mit dem Begriff Indianer werden zwei Extreme assoziiert: das wilde, kriegerische Volk, eine ständige Gefahr für die europäischen Einwanderer, und das weise, friedliebende Volk, das in seiner Naturverbundenheit den Europäern gegenübersteht. Beide Sichtweisen sind, wie auch die Bezeichnung „Indianer“, unzutreffend. Mehr noch: Die „First-Nation“-Völker stellen sich in einen anderen historischen Kontext, der auch die Zukunft kritisch befragt. Dies belegen zeitgenössische Gedichte und Biographien der Nachkommen von Amerikas Ureinwohnern.Donnerstag, 12. September
Dr. Manfred Steinbrenner, Frankfurt
Wandlungssymbole des Bewußtseins. Die Welt der Schamanen
Besonderes Merkmal des Schamanentums ist der Glaube an die Befähigung einzelner, als Mittler zwischen Menschen und deren Gottheiten bzw. Geistern zu fungieren.
Meinungen darüber, welche der verschiedenartigen Erscheinungsformen der über weite Teile der Erde verbreiteten Spezialform des „Priesters“ besonders typisch seien, weichen in ethnologischer Interpretation zum Teil beträchtlich voneinander ab. Allen gemeinsam ist jedoch die Vorstellung von Schamanismus als einer Ganzheitsidee, einer Kosmologie des Universellen, wie sie in Abwandlungen bis in die Kunst der Moderne hineinwirkt. Es gilt, die Bezüge aufzuzeigen.

Donnerstag, 19. September
Prof. Dr. Carola Lentz, Mainz
Die Fremden der anderen. Ethnozentrismus und Gastfreundschaft in Westafrika
Widersprüchliche Strategien der Inklusion und Exklusion prägen nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch in afrikanischen Gesellschaften den Umgang mit Fremden. Um die Gleichzeitigkeit von Gastfreundschaft und Ethnozentrismus geht es im Vortrag von Carola Lentz. Sie hat in Ghana und Burkina Faso die Konstruktion von ethnischen Grenzen erforscht und dabei eigene Erfahrungen als Fremde und später als „Tochter“ einer afrikanischen Familie gemacht.

Donnerstag, 26. September
Prof. Dr. Viktor Bejlis, Frankfurt
The basic features of African unwritten cultures / Die kennzeichnenden Wesenszüge der afrikanischen schriftlosen Kulturen
Systems of communication in oral cultures differ very much from European systems. The verbal speech is far from being the only communicative means in Africa. There are many conventional speeches almost unknown to Europeans: speeches of gestures, of plastic, of drums, of dance etc. The various genres of the African folk art and rituals have their very special peculiarities and symbolical meaning and all of them are of great importance for the way of life not only for traditional Africa but also for modern one.
(Vortrag in englischer Sprache)

Donnerstag, 3. Oktober
Albert Breier, Berlin
Einführung: Dr. Marion Saxer
Die Zeit des Sehens und der Raum des Hörens. Ein Versuch über chinesische Malerei und europäische Musik
China war und ist für Europäer eine fremde Kultur. Während das chinesische Denken vom Primat der Schrift bestimmt ist, haftet das europäische Denken am Sprachklang. In diesem Sinne betrachten Chinesen Malerei und Kalligraphie als ihre wichtigsten Künste, während in Europa die Musik eine beherrschende Stellung einnimmt. Chinesische Malerei und europäische Musik zeigen aber auch überraschende Entsprechungen. Diese Entsprechungen ermöglichen trotz der radikalen Fremdheit der Kulturen, welche die beiden Künste hervorbrachten, ein tiefes Verständnis jenseits von eurozentrischer Vereinnahmung oder multikultureller Nivellierung.

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