ARCHIV 2003 Literatur

LITERATUR FÜR LESER

„The great art of writing is the art of making people real to
themselves with words.“ Logan P. Smith

Gemeinsam ist allen in den Vorträgen präsentierten Werken
die Steigerung des Gefühls für die Wirklichkeit. Facetten
dieses Gefühls werden erlesen: Ob es um die Vertreibung des
Lebens durch buchstäbliches Warten oder um den Prozeß des
Verschwindens einer Biographie im literarischen Text geht,
ob um das Verstecken von Identität in einer Schachtel, ob
um Manipulation oder gar um Rebellion als Not-Wendigkeit:
die Welt wird sich verändert haben.

Donnerstag, 18. September 2003, 20.00 Uhr
Sami Cornelius (Candidatus philologicus, Frankfurt)
Nein. Die Zeit beweist gar nichts.
Einführung: Dr. Rita Obermann

Die Unfähigkeit zu handeln reduziert die ewige Liebe auf nichts weiter, als auf eine Gewohnheit. Mit seinem Roman „Warten“ betreibt der chinesische Autor Ha Jin (*1956) eine Entromantisierung der Liebe, die er von der Wahl und anschließenden Erwartung des vermeintlich richtigen Zeitpunktes abhängig macht. Doch was geschieht, wenn es diesen Zeitpunkt gar nicht gibt?
„Warten“ enthüllt das Schicksal dreier Menschen, deren Leben sich leise an ihnen vorbei geschlichen hat.

Donnerstag, 25. September 2003, 20.00 Uhr
Dr. Manfred Steinbrenner (Germanist, Schriftsteller und Galerist in Frankfurt)
„Warum soll das Zebu ein Kolibri sein?“
Einführung: Dr. Rita Obermann

Als Summe journalistisch bearbeiteter Themen und als Essenz seiner Auseinandersetzung mit „moderner“ Kunst und anarchistischen Theorien erarbeitet und konkretisiert Hugo Ball 1917-19 in seiner Kritik der deutschen Intelligenz seine geistigen Forderungen als Expressionist und
Dadaist. Es geht ihm um die Notwendigkeit einer moralisch-geistigen Rebellion und um den Menschen, die Ablehnung jeglicher Staatsmetaphysik.

Donnerstag, 2. Oktober 2003, 20 Uhr
Dr. Jörg Sader (Frankfurt)
Franz Kafka: Der Prozess
Franz K. und Josef K. oder Das Verschwinden einer Biographie im literarischen Text
Einführung: Dr. Rita Obermann

Mit Franz Kafka scheint zum ersten Mal ein Dichter die Bühne der Weltliteratur zu betreten, der bei der „Bewältigung“ seines Leben auf sehr ungewöhnliche Weise verfährt: Er hat die Fakten und Ereignisse seines Lebens unkenntlich gemacht und als vielfach verschlüsselte in seinen Texten abgelagert, ohne doch deren Status als autonome Kunstwerke zu stören oder gar zu beschädigen. Ein geradezu paradoxer Sachverhalt, der auch den „Prozeß“ bestimmt: Je mehr das Werk auf seinen Verfasser Bezug nimmt, umso hermetischer, umso abgelöster von diesem Verfasser tritt es vor seine Leser.
Dr. Jörg Sader ist Literaturwissenschaftler und Dozent für Rhetorik und Kommunikation.

Donnerstag, 16. Oktober 2003, 20 Uhr
Dr. Rita Obermann (Frankfurt)
„Paralyse des seelischen Rückzugsgefühls“
Der Schachtelmann von Kobo Abe
Einführung: Helmut O. Möck

Ein Schachtelmann ist ein Obdachloser, der in den Kartons von Kühlschränken lebt und schläft. Das ist im heutigen Tokyo durchaus nicht ungewöhnlich. Er gilt als „Beleidigung für die Welt“ und als vogelfrei. Was ein Schachtelmann durch seinen Sehschlitz beobachtet, gleicht der Halluzination.
Seine extreme Erzähltechnik machte den Arzt und Schriftsteller Kobo Abe (*1924) weltberühmt.
Dr. Rita Obermann ist Literaturwissenschaftlerin, Lehrbeauftragte an der Goethe-Universität

Freitag, 24. Oktober 2003, 20 Uhr
Dr. Ansgar Hillach (Staufenberg)
Die Traumpeitsche von Otto Soyka
Literarische Phantastik auf den Spuren Freuds und Nietzsches

Der 1921 erschienene Roman „Die Traumpeitsche“ handelt von einem Idealisten und Weltverbesserer, der mit einer Droge in die Träume seiner Mitmenschen einzudringen sucht. Was aus enttäuschter Liebe entstand, entwickelt sich zu einer Machtphantasie der totalitären Welt. Nach seiner Rückkehr aus dem Exilin die österreichische Heimat führte Soyka eine anonyme Existenz. Er verstarb, völlig verarmt, im Jahre 1955.
Dr. Ansgar Hillach, Literaturwissenschaftler (Romanistik und Germanistik) und Autor

Donnerstag, 30. Oktober 2003, 20 Uhr
Helmut O. Möck (Frankfurt)
Max und Moritz unter der Couch.
Subversive Reimästhetik und ganzheitliche Familientherapie
Einführung: Dr. Rita Obermann

Die so harmlos daherkommende „Kinder-Epopöe“ (Wilhelm Busch) „Max und Moritz“ wird aus psychoanalytischer und traumdeuterischer Sicht
interpretiert. Wesentliche Schwerpunkte sind: Wortmagie, Therapeutischer Reim, Eselsbrücken zur Weisheit
Helmut O. Möck ist Philologe, Psychotherapeut und Traumdeuter.

Freitag, 31. Oktober 2003, 20 Uhr
Pablo Groeger (Frankfurt)
Gottseidank, nun ist’s vorbei, mit der Übeltäterei
oder: Die Idylle schlägt zurück
Einführung: Dr. Rita Obermann

Wilhelm Buschs kritische Haltung zu den Schwächen und der verlogenen Moral seiner Mitmenschen ist geprägt vom dunklen Humor, der Weisheit und der pessimistischen Weltsicht des Autors und Malers. Auf den ersten Blick wirkt Buschs Repertoire von Strategien der Disziplinierung etwas reduziert. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch jene Grundstruktur des Überwachens und Strafens erkennbar, die Michel Foucault in seinem gleichnamigen Buch (surveiller et punir) darstellte.
Pablo Groeger ist Student der Philosophie, Psychoanalyse und Komparatistik an der Goethe-Universität, Frankfurt

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