ARCHIV [2003/2004] lectures in der denkbar II (Gernot Böhme)

Lectures in der DENKBAR II:

Selbstkultivierung
Prof. Dr. Gernot Böhme

Die Denkbar-Lectures 2003 werden einen ersten Schritt zum Praktisch-Werden der Philosophie darstellen. Sie knüpfen an die Tradition von Philosophie als Lebensform an, werden jedoch die Frage stellen, was philosophisch leben unter den Bedingungen der technischen Zivilisation heißen kann bzw. sein muss. Dazu ist auch ein Stück Kritik der Tradition nötig. Sie wird geleistet durch zwei Vorlesungen, die zugleich Vorträge der Reihe Werk und Leben sein werden, nämlich über Sokrates und Kant, und eine Vorlesung zur Stoa.

Donnerstag, 11. September 2003, 20 Uhr
Sokrates 
(zugleich Vortrag in der Reihe Werk und Leben)

Mittwoch, 24. September 2003, 20 Uhr
Gastvortrag von Dr. Fabian Heubel,
Academia Sinica, Taipei:
Selbstkultivierung und Widerstand – Das Wistaria-Teehaus in Taipei (Taiwan) zwischen Gesellschaftskritik und Ästhetik der Fadheit

Donnerstag, 27. November 2003, 20 Uhr
Gastvortrag von Dr. Annegret Stopczyk,
Stuttgart: Leibphilosophie – mit einer Übung zur Selbstkultivierung

Donnerstag, 11. Dezember 2003, 20 Uhr
Die Stoa, insbesondere Marc Aurel

Die stoische Haltung ist bis heute sprichwörtlich für eine philosophische Lebenshaltung. Man versteht darunter eine gewisse Unerschütterlichkeit, Abstand vom Allzumenschlichen, Furchtlosigkeit gegenüber Obrigkeiten, aber auch gegenüber dem Tod. Bücher der Stoa, vor allem Werke von Seneca, Epiktet und Marc Aurel werden heute noch als Lebenshilfen und Trostbüchlein gelesen. Was hat es mit der stoischen Haltung auf sich? Welche Art von Selbstkultivierung bringt sie hervor? Inwieweit ist sie unserer gegenwärtigen Lebenssituation noch angemessen? Es lohnt sich, diesen Fragen an Hand eines Buches gezielt nachzugehen und zwar Kaiser Marc Aurels Buch Wege zu sich selbst.

Freitag, 23. Januar 2004, 20 Uhr
Leib sein können

Donnerstag, 5. Februar 2004, 20 Uhr
Handeln können

Donnerstag, 11. März 2004, 20 Uhr
Lieben können

Die Liebe überfällt einen – was soll man dazu können. Dass die Liebe ein Ereignis ist, das einem zustößt, steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu der Tatsache, dass es gerade hier in fast allen Kulturen ausgearbeitete Künste gibt. Doch um solche Liebeskünste soll es in der Vorlesung nicht gehen. Es geht vielmehr um den Umgang mit Affekten, die Kunst sich zu öffnen, um die schwierige Balance zwischen Hingabe und Selbstsein.
Was ist überhaupt Liebe? Warum hat sie einen so hohen Stellenwert unter den menschlichen Werten? Warum wird ihr im gesellschaftlichen Leben so wenig Rechnung getragen?

Literatur:
Gernot Böhme, „Briefe an meine Töchter“, Frankfurt/M.: Insel 1995, 9. Brief.
Gernot Böhme, „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“. Darmstädter Vorlesungen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1985, 4. Aufl. 1994, 6. Kapitel.

Donnerstag, 8. April 2004, 20 Uhr
Krank sein können

Gehört zum Krank-Sein eine Kunst? Ist Krankheit nicht einfach etwas, das einem geschieht? Sollte man sich nicht vielmehr darum bemühen, gesund zu sein?
Die Vorlesung über Selbstkultivierung geht von der Grundthese aus, dass in unserer technischen Zivilisation gerade die pathischen Lebensvollzüge missraten oder gar nicht erst zugelassen werden. Dazu gehört auch das Kranksein. In der Leistungsgesellschaft ist Kranksein ein Ausfall, eine Störung. Gleichwohl kann man nicht leugnen, dass Krankheit unausweichlich zum menschlichen Leben hört. Statistisch gesehen muß überhaupt jeder erwachsene Mensch mit einer Krankheit leben. Diese Integration von Krankheit ins Leben verlangt ein Können. Vielleicht besteht ja Gesundheit eigentlich darin, Krankheiten bewältigen zu können.

Donnerstag, 13. Mai 2004, 20 Uhr
Frustrationen hinnehmen können

Es gehört zu den Grundzügen des souveränen Menschen, sich etwas widerfahren lassen zu können. Souverän ist man, wenn man Fehler eingestehen kann und Blamagen hinnehmen. Allgemein geht es um das Pathische: sich darauf einzulassen, verlangt von dem modernen Menschen, der an Autonomie, Handlung und Leistung sozialisiert wurde, eine grundsätzliche Einstellungsänderung. Und auch hier bedarf es der Einübung.
Wie aber geht man im Besonderen mit Niederlagen, Enttäuschungen, Kränkungen um? Davon soll diese Vorlesung handeln.

Donnerstag, 10. Juni 2004, 20 Uhr
Arbeiten können
Unsere Gesellschaft versteht sich noch immer als Arbeitsgesellschaft. Doch können wir heute noch mit Karl Marx sagen, dass sich der Mensch durch Arbeit selbst herstellt? Heute lohnt es sich wohl, daran zu erinnern, dass noch bis ins 18. Jahrhundert hinein das eigentlich menschliche Leben als arbeitsfreies definiert wurde. Und doch: folgen wir Freuds Diktum, dass Humanisierung des Menschen darin besteht, lieben, arbeiten und Frustrationen hinnehmen zu können, so müssen wir nach der Bedeutung von Arbeiten-Können als wichtiger Dimension der Selbstkultivierung fragen. Was ist Arbeiten-Können als Moment der Souveränität eines Menschen?

Donnerstag, 8. Juli 2004, 20 Uhr
Teil sein können

Beim Teilsein können geht es darum wie man sein Dasein in der Gesellschaft (in der Familie, in Freundschaften, als Bürger) mit der eigenen Individualität vermittelt. In unserer Zivilisation, die Selbständigkeit als höchstes Ziel personaler Entwicklung favorisiert, ist das nicht einfach. Es geht hier um Einübung in formen der Solidarität, des Wir-Seins, der Gemeinschaft, der Kooperation. Das könnte verlangen, dass man partiell und zeitweise sein Ich zu Disposition stellt:

Literatur: G. Böhme
Briefe an meine Töchter, Frankfurt/M.: Insel 1995, Neunter Brief
Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1997, 2. Aufl. 1998. S. 140-143.

Als weiteren Gastvortrag im Frühjahr 2004 wird eine Vorlesung vonProf. Dr. Richard Shusterman, Temple University, Philadelphia, stattfinden. Zeit und Thema werden rechtzeitig im Programm der Denkbar bekannt gemacht.

Bücher von Gernot Böhme zu den Vorlesungen:
– Einführung in die Philosophie, Weltweisheit-Lebensform-Wissenschaft, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 4. Aufl. 2001.

– Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2. Aufl. 1998.

– Leibsein als Aufgabe. Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht, Kusterdingen: Die Graue Edition 2003.

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