ARCHIV [2003]: kritik und vergnügen

Kritik und Vergnügen: Kulturindustrie damals und heute

„Kulturindustrie“ ist ein Begriff, der als Überschrift eines Kapitels in Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung (1944/47) bekannt wurde: Kulturindustrie – Aufklärung als Massen-betrug. Die Sache – intellektuelle Produktion nach Imperativen der Warenförmigkeit – war von beiden Autoren schon in früheren Arbeiten analysiert worden, die späteren Veränderungen der Sache Kulturindustrie wurden von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer dagegen kaum noch wahrgenommen.
Im öffentlichen Gebrauch wurde dieser kritische Begriff von „Kulturindustrie“ dann zwei-fach verdorben. Er wurde erstens eingeschränkt auf Fernsehen, Pop-Musik und Journalismus. Schon wenn man ihn auf Hochkultur anwendet, finden die Leute das verwunderlich. Zweitens wurde der Begriff noch positiv gewendet: in der Wissensgesellschaft ist nichts erstrebens-werter als ein Job in einer der „Kulturindustrien“, also in der Werbung, im Kulturmanagement, in der politischen PR, in den Beratungen aller Art.
Es ist heute also nötig, den Begriff in seiner kritischen Fassung erst wiederzugewinnen und ihn zugleich, gegenüber der Bestimmung von vor 50 Jahren, zu aktualisieren. In dieser Vor-tragsreihe wollen wir beides tun: den kritischen Begriff von Kulturindustrie für eine Reflexion der gegenwärtigen, erweiterten Kulturindustrie rehabilitieren.

Dienstag, 21. Oktober, 2003 20 Uhr
Kulturindustrie ist bunt und chic!! Wir möchten alle dabei sein!!
Wie aus einem kritischen Begriff ein affirmativer wurde
Heinz Steinert
Einführung: Christine Resch

Kulturindustrie – warenförmige Kultur, warenförmiges Wissen – hat sich ausgedehnt und erweitert. Zugleich wurde Adornos Kritik verharmlost zum Nörgeln eines Kultur-Snob, der halt mit Populärkultur nichts anfangen kann und angeblich „die Massen“ verachtet. Dazu wurde der Begriff noch positiv gewendet. Möglichst alle Produkte von Denken sollen zu Wa-ren werden. Dazu kommt, dass Kulturindustrie inzwischen selbst affirmativ-reflexiv geworden ist: Da wird nicht mehr manipuliert, da wird dazugesagt, wie und mit welchem Aufwand wir dazu gebracht werden, banale Sensationen zu konsumieren. Eine aufgeklärte Haltung im Umgang mit Kulturindustrie kann dagegen nur in kritischer Reflexivität bestehen.

Dienstag, 28. Oktober, 2003 20 Uhr
Marktgängiger Exotismus oder:
Warum wir es gar nicht lieben, wenn uns die Fremden zu ähnlich werden.

Ursula Apitzsch
Einführung: Oliver Brüchert

Exotismus und Nobilität – das ist eine kulturindustriell bevorzugte Mischung. Fremde Herkunft der unteren Schichten dagegen wird eher als Bedrohung wahrgenommen und scheint gut verkäuflich nur im Zusammenhang mit Genuss, den die Migranten als Beschäftigte der Food- oder Sexindustrie für die Aufnahmegesellschaft herzustellen haben. Die Mitglieder der Kommunikations-Eliten der Ankunftsgesellschaften reiben sich daher erstaunt die Augen, wenn sie entdecken, dass fremde Herkunft nicht nur in Form einer Hypothek oder Belastung existiert, die man besser verschweigt, sondern dass sie auch eine Handlungsdynamik entfalten kann, die sich als Ressource erweist – als Ressource, die kulturindustriell nicht immer voll-ständig vereinnahmt wird.

Dienstag, 4. November 2003, 20 Uhr
„Die beeinflussen die Augen“ – Jugendliche und Konsum(kritik)
Ellen Bareis
Einführung: Christine Resch

Anders als oft angenommen stellen städtische Shoppingmalls nicht zwangsläufig homoge-nisierte Räume dar. Sie sind auch Anlass für gesellschaftliche Konflikte und ihr Austragungs-ort. Für Jugendliche sind Einkaufszentren zum Beispiel nicht nur Konsumtempel, sondern auch Orte, an denen sich die Subkultur trifft und Langeweile vertrieben wird. Die pädagogi-sierende Konsumkritik, die von Verführung und Erfahrungsverlust ausgeht, greift da zu kurz. Mit welchem Modell das Verhältnis von Jugend und Konsum erklärt wird, ist auch entschei-dend dafür, wie Shoppingmalls als Teil des Stadtviertels thematisiert und politisiert werden. Sie bestehen aus komplizierten Interaktionen und widersprüchlichen Praktiken.

Dienstag, 11. November 2003, 20 Uhr
E oder U? Zur kritischen Theorie der Popmusik
Roger Behrens
Einführung: Oliver Brüchert

Im Musikbetrieb hat die Unterscheidung zwischen E und U einerseits an Bedeutung verlo-ren: Popmusik gilt heute durchaus als ernst, während die ernste Musik ihren Unterhal-tungsaspekt nach außen kehrt. Andererseits wird sie immer noch verwendet und in immer feineren Differenzierungen sogar verschärft – in den Plattenläden wird üblicherweise Musik in den Kategorien: Klassik, Pop, Rock, Jazz, Schlager, Weltmusik etc. verkauft. Welche Funktion haben diese Unterscheidungen und welchen Umgang gibt es in der gegenwärtigen Musik damit? Diese Frage wird an Beispielen diskutiert.

Dienstag, 18. November 2003, 20 Uhr
Kulturpolitik, Kunst und Intellektuelle
Alex Demirovic
Einführung: Christine Resch

Im Lichte einer radikalen und emanzipatorischen Theorie der Kunst, die in ihr eine Stell-vertreterin für eine freie und versöhnte Gesellschaft sieht, hat Adorno gleichwohl immer wie-der die Frage nach einer konkreten, reformorientierten Kulturpolitik gestellt. Das damit ver-bundene Spannungsverhältnis soll im Vortrag erörtert werden.

Dienstag, 25. November 2003, 20 Uhr
Holocaust im Holodeck? Raumschiff Enterprise und die moralischen Dilemmata an den Grenzen des Universums
Hanno Loewy
Einführung: Oliver Brüchert

1968 überraschten die Autoren der amerikanischen Science-Fiction Serie STARTREK ihr Publikum mit einer Reise in die Zukunft des Holocaust. Geschichte erweist sich hier vor allem: als fatale Kette und als Quelle von Irrtümern und falschen Vorbildern. Und was geschah, als STARTREK sich in den neunziger Jahren wieder dem Holocaust zugewendet hat? Wo im Universum von Raumschiff Enterprise vom Holocaust die Rede ist, dann nicht so sehr vom realen historischen Ereignis, sondern von Fragen und Zweifeln, die ein solches Ereignis hin-terlässt. Fragen, die nicht nur für „Trekkies“ beunruhigend offen bleiben.

Dienstag, 2. Dezember 2003, 20 Uhr
Christine Resch
Halbbildung: zur Kritik der Wissensgesellschaft
Einführung: Oliver Brüchert

Mit der Wissensgesellschaft hat sich Kulturindustrie verallgemeinert. Es sind dieser Tage Gesellschaftsdiagnosen (u.a. Risiko-, Informations-, Erlebnis-, Multioptions-Gesellschaft), damit die Unterwerfung unter kulturindustrielle Mode-Mechanismen, die Sozialwissen-schaftlern öffentliche Aufmerksamkeit bringen. Auch die Inhalte dieser Theorien verweisen auf Kulturindustrie. Wissensgesellschaft ist nicht, wie das Wort suggeriert, eine Gesellschaft, in der möglichst alle alles wissen sollen. Vielmehr sollen wir – halbgebildet – Beratungen aller Art nachfragen. Wissen ist zur Ware geworden, eine Erfahrung im emphatischen Sinn müssen weder Produzenten noch Konsumenten machen.

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